In Memoriam
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In Memoriam
In Memoriam Professor Willi Sauter (25. Juli 1928 – 3. September 2020)
expand article infoCharles Lienhard, Daniel Burckhardt§, Marianne Horak|
‡ Muséum d'histoire naturelle de la Ville de Genève, Genève, Switzerland
§ Naturhistorisches Museum, Basel, Switzerland
| CSIRO NRCA, Canberra, Australia
Open Access

Am 3. September 2020 ist Prof. Dr. Willi Sauter nach einem erfüllten, zu grossen Teilen der Entomologie gewidmeten Leben gestorben. 1946 trat er der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft bei, in der er von 1957 bis 1992 im Vorstand als Bibliothekar (1957–1977), Redaktor der Insecta Helvetica (1963–1992) und Präsident (1977–1980) fungierte. Für seine Verdienste um die Gesellschaft wurde er 1988 zu deren Ehrenmitglied ernannt. Als Titularprofessor und Konservator an der ETH Zürich galten seine beruflichen Schwerpunkte vor allem der Lehre und der Betreuung der Sammlung. Seine Vorlesungen und Exkursionen über systematische Entomologie waren bei den Studierenden sehr beliebt und sind manchen bis heute in Erinnerung geblieben. Ebenso nachhaltig war seine Tätigkeit als Konservator, hat er doch bei seiner Emeritierung eine gut organisierte, moderne Insektensammlung hinterlassen, die bei seinem Amtsantritt stark vernachlässigt und heruntergekommen war. Ausführliche Informationen über sein berufliches und wissenschaftliches Wirken, mit einer Liste seiner wissenschaftlichen Publikationen, sind schon anderswo erschienen (Benz 1988, Lienhard und Burckhardt 1988, Bächli 1993, Burckhardt 2008, Walter 2008). Wir wollen deshalb hier die Person von Willi Sauter in den Mittelpunkt stellen und unserem Doktorvater mit einigen Erinnerungen unsere Wertschätzung zeigen und unseren herzlichen Dank aussprechen. Bleibende Zeugen unserer Anerkennung seiner grossen Verdienste sind die Insektentaxa, die wir nach unserem Lehrer benannt haben: Williella sauteri Horak (Horak 1985) (Lepidoptera: Tortricidae), Aphalara sauteri Burckhardt (Burckhardt 1983) (Hemiptera: Aphalaridae), Lachesilla sauteri Lienhard (Lienhard 1977) (Psocoptera: Lachesillidae) und Prorastriopes sauteri Nayrolles & Lienhard (Nayrolles und Lienhard 1990) (Collembola: Bourletiellidae).

Abbildung 1. 

Willi Sauter am 28. Januar 2012 in seinem Arbeitszimmer in Illnau (Foto Martin Sauter).

Willi Sauter war unser Hochschullehrer an der ETH Zürich, unter dessen Leitung unsere Doktorarbeiten entstanden (Charles Lienhard (CL): 1977, Daniel Burckhardt (DB): 1983, Marianne Horak (MH): 1983), nach deren Abschluss er uns das freundschaftliche «Du» angetragen hat. Willi war prägend für unsere ganze berufliche Entwicklung und blieb uns ein Vorbild während unserer Karriere als systematische Entomologen und Dozenten, auch im Hinblick auf die Betreuung und Förderung von Studenten.

Willi war sicher weder ein «stahlharter Manager» noch ein «Showman», sondern ein Mensch von grosser Authentizität: Er stand zu sich selbst und blieb sich treu. Im hektischen Betrieb der 1970er-Jahre des ehemaligen Entomologischen Instituts der ETH war Willi ein ruhender Pol und vermittelte durch seine freundliche und zurückhaltende Art den bei ihm arbeitenden Studenten die Einsicht, dass volles Engagement für die Sache und gute kollegiale Kontakte nicht unter übertriebenem Ehrgeiz leiden sollten. Vielleicht standen ihm zeitweise die Insekten näher als die Menschen um ihn herum, doch handkehrum konnte er sich auch mit viel Geduld und Empathie seinen Studenten zuwenden.

Unvergessen bleiben die entomologischen Exkursionen unter seiner Leitung, wo er, der sonst so ruhige und massvolle Professor, plötzlich mit ungeahntem Elan und grosser Geschicklichkeit mit seinem Insektennetz hinter einem interessanten Schmetterling herjagen konnte. Meist mit Erfolg, und stolz erklärte er dann den Studenten, weshalb das Tier sein Interesse geweckt hatte, erzählte über seine Lebensweise, seine Stellung im System der Insekten und erwähnte oft auch die Schwierigkeiten, die bei genauerer Artbestimmung zu erwarten gewesen wären. Bei der Demonstration eines besonders hübschen Insekts spürte man stets auch seine Begeisterung über die Schönheit dieser Tiere. Fast überschwänglich konnte er so einen schillernd glänzenden, aber eigentlich häufigen Grünrüssler der Gattung Phyllobius als «Juwel der Natur» bezeichnen. Eine entomologische Exkursion kann man ja nur bedingt vorbereiten, da die Insekten im Gelände kaum auf Abruf bereitstehen. So machte die fachliche Souveränität Willis jede Exkursion zu einem speziellen Ereignis.

Die folgenden zwei während der Assistenzzeit bei Professor Sauter erlebten Exkursions-Anekdoten mögen uns hier sein Wesen etwas näherbringen. Noch heute lassen sie den damals jungen Assistenten (CL) im Alltag oft an Willi denken, wenn es darum geht, ein Risiko abzuwägen, oder einfach entspannt aber stets aufmerksam die Natur zu beobachten. So erlaube ich mir, sie hier in Ich-Form zu erzählen. – Am Nachmittag war entomologische Exkursion an den Katzensee nahe der Stadt Zürich angesagt. Das Wetter war etwas unsicher, was für Entomologen, im Gegensatz zu Botanikern, Stress bedeutet. Willi kommt zu seinem jungen Assistenten und fragt schüchtern: «Soll ich wohl eine Jacke (Jäggli) mitnehmen, was denken Sie?» Es folgte eine kurze Diskussion über eventuelle Wetter-Risiken und dann der gemeinsame Entschluss, zur Sicherheit das Jäggli mitzunehmen. In ähnlichen Situationen stelle ich mir noch heute dieselbe Frage, wie sie der verunsicherte Professor damals an mich richtete; und meist nehme ich das Jäggli mit, zur Sicherheit! – Noch diesen Sommer habe ich, am Ufer des Bodensees sitzend, an Willi gedacht bei der Beobachtung des eleganten Flugs der Flussseeschwalben (Sterna hirundo), die seit Jahren wieder in dieser Gegend brüten. Während einer Katzensee-Exkursion zückte Willi, der aufmerksame Naturbeobachter, plötzlich einen kleinen Feldstecher, den er wie die Taschenlupe stets bei sich trug, und schaute zum Himmel. Kein Insekt hatte diesmal seine Aufmerksamkeit geweckt, sondern eine damals in der Schweiz sehr selten zu beobachtende Flussseeschwalbe. Als Nicht-Ornithologe war ich ahnungslos. Wenn ich heute diese Flugkünstler am Bodensee bewundere, erinnert mich dies jedes Mal an jene Exkursion mit Willi.

Während der biologischen Arbeitswochen, die jeweils im Sommer zusammen mit Botanikern der ETH organisiert wurden, war Willi derjenige Dozent, der durch die Vielfalt seiner Kenntnisse über alle Insektengruppen den damals noch selten gebrauchten Begriff der Biodiversität für die Studenten erlebbar machen konnte. Angesichts der grossen Vielfalt der beobachteten Insekten und der Herausforderung, sie möglichst genau zu bestimmen, bewährte sich Willis Universalität. Er war imstande, fast jedes Problem zu lösen oder fundiert zu kommentieren und allenfalls darauf hinzuweisen, dass es sich um eine besonders «schwierige Gruppe» handle.

Willi Sauter gehörte unbestritten zu den universellsten Entomologen Europas. Doch dieses breite Interesse und die Verpflichtung, die er fühlte, sich möglichst kompetent über Probleme aller Insektenordnungen äussern zu können, wurde ihm vielleicht auch etwas zum Verhängnis. So verweigerte sich Willi dem sich modernisierenden Wissenschaftsbetrieb, wo Prestige und Anzahl publizierte Arbeiten im Vordergrund standen. Als Forscher war er von einer grossen Skepsis geprägt, was dazu führte, dass er relativ wenig publizierte. Sein Hang zum Perfektionismus, der natürlich bei vielen Systematikern zu beobachten ist, und seine sehr kritische Haltung gegenüber vorläufigen Resultaten verhinderten in manchen Fällen die Publikation interessanter Beobachtungen und Erkenntnisse, die wahrscheinlich heute, mit seiner zierlich-feinen Handschrift (einer idealen Etiketten-Schrift!) auf Zetteln notiert, im Nachlass der Entdeckung harren. So war die folgende Frage Willis symptomatisch, wenn ein Student begeistert von der Entdeckung einer neuen Art oder gar Gattung berichtete: «Sind Sie sicher?» – Und beim Erscheinen einer Arbeit eines Kollegen bemerkte Willi gelegentlich stolz, aber ohne Bitterkeit: «Das weiss ich schon lange!»

Willis intellektuelle Neugierde und Offenheit für neue wissenschaftliche Ideen kamen uns sehr zugute. Wir erinnern uns alle mit Vergnügen an die Mini-Kolloquien für fünf bis sechs Doktoranden, die uns unter anderem mit Hennigs Phylogenetischer Systematik (in der fast unlesbaren deutschen Originalausgabe!) bekanntmachten. Für MHs Dissertation über plesiomorphe Tortricinen der Südhemisphäre war eine vom Grundplan inspirierte Sicht entscheidend, zu einer Zeit als diese Idee noch als revolutionär galt. Als Dank für Willis vorbildliche Rolle als Doktorvater sollte eine neue Tortricidengattung von Neukaledonien nach ihm benannt werden, mit dem Problem, dass vom Namen des in Ostasien aktiven Sammlers Hans Sauter abgeleitete Gattungsnamen bereits existierten. Die ungewöhnliche Wahl des Gattungsnamens war ein gewisses Wagnis, fand aber sofort allgemeinen Beifall – kein Zweifel wer mit dem Namen Williella sauteri geehrt wurde! Fürsorglich und ermunternd unterstützte Willi stets seine Doktoranden, aber fast noch ausserordentlicher war seine Grossherzigkeit, uns mit Freude gehen zu lassen, wenn wir flügge waren. MH wird nie vergessen, wie er seine Doktorandin seinen Kollegen unter den europäischen Lepidopterologen vorstellte, um sich dann zurückzuziehen, da er sich nicht mehr notwendig glaubte. Wir alle haben versucht, Willis Vorbild als Doktorvater nachzuleben und haben damit seine Ideale weit verbreitet.

Oft schien bei Willi die Freude an der Beobachtung und Erkenntnis das Ziel seiner Forschung zu sein und nicht die endgültige Ausarbeitung der Resultate bis zur Publikation. Aber diese Entdecker-Freude übertrug sich auf seine besten Schüler, und wo genug Ehrgeiz vorhanden war, führte sie zu einigen wichtigen Publikationen, wie taxonomische Revisionen und Bestimmungsschlüssel. So war Willi Sauter nicht nur selbst der universellste schweizerische Entomologe seiner Zeit, sondern auch ein Katalysator für manch fundierte Untersuchung in den verschiedensten Insektengruppen. Dies zu erreichen, ist sicher eine der vornehmsten Aufgaben eines bedeutenden Hochschullehrers.

Literatur

  • Bächli G (1993) Zum Rücktritt von Prof. Dr. Willi Sauter. Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft 66: I–III.
  • Benz G (1988) Laudatio für Herrn Prof. Dr. Willi Sauter. Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft 61: 395.
  • Burckhardt D (1983) Beiträge zur Systematik und Faunistik der schweizerischen Psyllodea (Sternorrhyncha). Entomologia Basiliensia 8: 43–83.
  • Burckhardt D (2008) Zum 80. Geburtstag von Professor Dr. Willi Sauter. Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft 81: 135–140.
  • Horak M (1985) Williella – a new tortricine genus from New Caledonia indicating Gondwanan distribution for the family (Lepidoptera: Tortricidae). Entomologica Scandinavica 15(1984): 423–433. https://doi.org/10.1163/187631284X00244
  • Lienhard C (1977) Die Psocopteren des schweizerischen Nationalparks und seiner Umgebung (Insecta: Psocoptera). Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen im Schweizerischen Nationalpark 14(75): 417–551.
  • Lienhard C, Burckhardt D (1988) Zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Willi Sauter. Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft 61: 9–10.
  • Nayrolles P, Lienhard C (1990) Description d'une nouvelle espèce de Prorastriopes de Suisse (Collembola Symphypleona). Revue Suisse de Zoologie 97: 623–628. https://doi.org/10.5962/bhl.part.79753
  • Walter J (2008) 50 Jahre Mitglied der EGZ: Prof. Dr. Willi Sauter. Entomo Helvetica 1: 128.